Vom Vater bleibt nur mehr |
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Ein Dia-Film, ein motion picture aus Standbildern: In seinem jüngsten Werk greift der Medienkünstler Manfred Neuwirth die dazumal gefürchtete Form der familiären Diashow auf. Aber die Ödnis der begleitenden Ausführungen dozierender Väter fällt in diesem Fall ersatzlos weg, dazu ist schon der Puls der Bilder zu hoch: 40 zart ineinander überblendende, zwischen Quer- und Hochformat springende Bilder in 60 Sekunden – das ist zu schnell, um sich auf die individuellen Ansichten wirklich einlassen zu können. Aber es ist langsam genug, um die Strukturen des „Urlaub-Sehens“, die Systematiken der Familienporträts (und, damit verbunden, auch gewisser Welt-Sichten) zu erkennen.
Rund 1200 Amateurfotografien aus den Jahren 1960 bis 1968 setzt Neuwirth in 30 Minuten zur sanften Brandung eines Stücks des Komponisten Christian Fennesz („In My Room“) hintereinander: italienische Strand- und österreichische Stadtlandschaften, oft als Panoramen, von weit oben gesehen; Familienmitglieder im Urlaubsalltag, Spiel, Spaß und Gemeinsamkeit; Kinder, Pflanzen, Architekturen, Wald- und Alpin-Szenerien, Wohnräume und Gaststuben, Umzüge und ein rotglänzender VW-Käfer – und immer wieder: Freizeit am Wasser, an Meeren, Seen, Flüssen und Bächen. Die Bewahrung einst denkwürdiger, doch längst vergessener Momente ist zu Genre-Fotografie geronnen, ins Universelle abgesunken.
Was anonym erscheint, ist de facto sehr persönlich, denn Neuwirth zeigt hier private Aufnahmen: Es sind die Dias seines Vaters, die er nach dem Tod seiner Eltern geborgen hat. Der Fund war reichhaltig: 30 Jahre lang hatte Erich Neuwirth daran gearbeitet, seine Reisen und Familienurlaube in – insgesamt etwa 12.000 – Durchlichtbildern zu dokumentieren, ehe er das Medium hinter sich ließ und auf Home-Video umstieg. Nur Werke aus den ersten acht Jahren dieser fotografischen Laufbahn hat Neuwirth gewählt, er selbst taucht als Kind darin oft auf. „Vom Vater bleibt nur mehr der Rest auf dem Bild“, so hat er seinen Film genannt, er zitiert damit einen der idiosynkratischen, in maschinengeschriebenen Listen hinterlassenen Titel, die der Vater seinen Fotos gab.
Home movies, Amateur- und Urlaubsfilme sind in der Geschichte des avantgardistischen Kinos ein beliebtes Sujet (siehe etwa Gustav Deutschs „Adria“), aber Neuwirth geht das Thema mit größerer Simplizität, ohne subjektive Eingriffe an. Die Liebe steckt im Begriff des Amateurs, man spürt die Hingabe und Sorgfalt in den hier ausgerollten Bildern. (Das latent Bildungsbürgerliche, das man in manchen entdecken mag, hat auch damit zu tun, dass beide Eltern pädagogisch tätig waren, an Schulen unterrichteten.) Viele der Motive muten klassisch amateurfotografisch an, und doch eignet dem Blick des Fotografen etwas eminent Filmisches, das in den Bildkompositionen und der leuchtenden Farbgebung begründet liegt; Fennesz‘ ominös dräuende Ambient-Musik tut ein Übriges dazu. In gewisser Weise ist Neuwirths Bearbeitung der hinterlassenen Dias auch ein Tribut an die Blickweisen seines Vaters, die den Sohn geprägt, unbewusst für die Medienkunst vielleicht sogar initiiert haben.
Feuerwerke, Sommersonnenhitze und -untergänge: Die Licht-Bilder tauchen auf und gleich wieder ab, sind kaum mehr als einen Lidschlag lang präsent, lassen von fern an Chris Markers berühmte Kinodystopie „La jetée“ denken: Das Flüchtige all der in der Zeit gefrorenen Augenblicke, die ein Leben ausmachen, hinterlässt einen so bitteren wie süßen Nachgeschmack.
Stefan Grissemann