Space of the Gaze |
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Ausstellung
Film | Foto | Mixed-Media-Installation | VR
8 Arbeiten im Spannungsfeld zwischen Bewegtbild und Still
Als ich meine Mutter fragte, wie ich denn als Kind war, kam die Antwort schnell. Ich war ganz einfach zu beschäftigen, man brauchte mich nur irgendwo hinsetzen und ich war für längere Zeit mit genauem Beobachten beschäftigt. Eine Wahrnehmung der Welt, die sich seitdem durch mein Leben und durch mein Kunstschaffen zieht und bis heute anhält.
Manfred Neuwirth
„Den Volksglauben selbst in ein System bringen zu wollen“, schreibt Heinrich Heine in seinen Elementargeistern, sei ebenso untunlich, „als wollte man vorüberziehende Wolken in Rahmen fassen“. Höchstens lasse sich das Ähnliche zusammentragen. Dieser Gedanke bildet einen resonanten Hintergrund für Space of the Gaze – eine Ausstellung, die sich weniger als geschlossenes Narrativ versteht denn als lose Anordnung von Blicken, Spuren und Bildräumen. Doch was ist das für ein Blickraum? Sicher kein einheitlicher, kein linearer. Er ist kein Container, sondern eine Bewegung: ein Gefüge aus acht Arbeiten, die verschiedene Blickhaltungen entfalten. Beobachten, Verweilen, Ordnen, Sammeln, Wiederauftauchen Lassen.
Ein Raum, der sich weniger über Wände als über Zeit, Rhythmus und mediale Setzungen öffnet. Neuwirth arbeitet systematisch, ohne ein System zu behaupten. Was Walter Benjamin als Konstellation und Ludwig Wittgenstein als Familienähnlichkeit beschrieben haben, erscheint hier als offene Ordnung des Sehens: lose verbunden, nicht hierarchisch, ohne Zentrum. Archivierung wird dabei nicht zur Besitznahme von Wirklichkeit, sondern zu einer Methode des vorsichtigen Arrangierens. Ordnung ist hier kein Herrschaftsinstrument, vielmehr eine Praxis der Aufmerksamkeit – und vielleicht auch eine Form von Höflichkeit gegenüber dem Material.
Das Selbst artikuliert sich in diesen Arbeiten nur medial als Spur. Analytische, teils technisierte Verfahren treffen auf eine sehr persönliche, kontemplative Gaze. Autorschaft bleibt ahnbar, ohne sich aufzudrängen. Individuelle Perspektiven organisieren sich abseits von einem Zentrum doch als Teil einer transindividuellen Wirklichkeit. In unserer medial verdichteten Gegenwart, in der Bilder oft schneller zirkulieren, als Erfahrung sich setzen kann, wirkt diese Haltung fast eigensinnig ruhig: Sie verwechselt Zugriff nicht mit Erkenntnis. Charakteristisch ist die Abwesenheit des Sensationellen. Neuwirths Arbeiten versprechen kein Wunder; sie garantieren nichts. Die erfüllte Wirklichkeit – falls sie sich einstellt – bleibt an die Einlassungsbereitschaft der Betrachtenden gebunden. Seine Bildkompositionen halten die Spannung zwischen Zugriff und Nicht-Entsprechung offen; Habhaftwerden geschieht im Bewusstsein ihrer Grenzen. Gerade darin liegt eine künstlerische Qualität, die heute selten geworden ist: die Geste der Einladung.
Ob der Blick in Krido Sky lange beim Himmel verweilt – effizienslos, ruhend, beinahe stur – oder wie in Vom Vater bleibt nur mehr der Rest auf dem Bild Erinnerung als mediale Konstellation organisiert wird: stets geht es um Bildräume, die nicht repräsentieren wollen, sondern evozieren. Bildwerden bedeutet hier immer auch, Abwesenheit mitzuerzählen. Wolken sind keine abbildbaren Objekte, sondern Prozesse – sichtbar werden ihre Spuren. Die Umgebung wird selten direkt gezeigt, aber stets mitkomponiert; das Fehlende bleibt präsent.
Gerade die Wolke eignet sich als heimlicher Leitfaden: In der Malerei oft als Stimmungsträger inszeniert, erscheint sie hier als Materialität, als Archiveinheit aus Feuchtigkeit, Partikeln und Gasen. Wolken lassen sich nicht einhegen, nicht kartieren, nicht festhalten. Sie ignorieren politische Grenzziehungen ebenso wie das Meer. Was in einem Land erlaubt ist und im anderen verboten, wird atmosphärisch weitergetragen. So öffnet sich ein nicht-anthropomorpher Horizont auch in seinen politischen Dimensionen, ohne ausformuliert werden zu müssen. Geschichte erscheint dabei als Raum von Anwesenheit und Abwesenheit, als geisterhafte Spur. Auch ein Stein, auch ein Bild, auch ein Blick sind kulturell produziert. Space of the Gaze eröffnet keinen Raum des Überblicks, sondern einen der Komplizenschaft: ein Einlassen auf flüchtige Bildräume, auf mikroskopische Narrative, auf beiläufige Verschiebungen, in denen plötzlich etwas aufscheint.
Vielleicht liegt darin auch der leise Humor dieser Ausstellung: im Wissen, dass sich das Wunder nicht erzwingen lässt. Der Blick bleibt wach, geduldig, ein wenig jägerhaft. Und wartet lieber, als zu behaupten, er hätte schon alles gesehen.
Francesca Romana Audretsch