Space of the Gaze |
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Medienkünstler Manfred Neuwirth: Die Sixties, betrachtet durch Papas Kameralinse
Die Medienwerkstatt Wien zeigt neue Arbeiten des Filmemachers – darunter einen Streifen, der nur aus alten Aufnahmen besteht und nostalgische Boomer-Gefühle weckt
Betritt man den Veranstaltungsort, die Medienwerkstatt Wien, steht man vor einem Monitor, auf dem ein Film in Endlosschleife läuft. Eine unbewegte, 15-minütige Einstellung zeigt die Sagrada Familia in Barcelona, in der es vor Menschen nur so wimmelt. Alle wollen ein Foto machen, inszenieren sich in der von warm-schillerndem Licht durchfluteten Basilika vor ihrem Smartphone. Werfen die Touristen sich jedoch zu exaltiert in Pose, sind sogleich Aufpasserinnen zur Stelle und mahnen angemessen respektvolles Verhalten ein.
Der amüsante Video-Loop eröffnet die Ausstellung „Space of the Gaze“, die auf kleinstem Raum acht neue Arbeiten des österreichischen Filmemachers und Multimedia-Künstlers Manfred Neuwirth versammelt. Entstanden sind sie während der letzten zehn Jahre und reichen von serieller Fotografie über eine Hommage an den Videokunst-Pionier Nam June Paik bis zur VR-Installation, die einen Vulkanausbruch und feurige Lavaströme auf Island zum faszinierenden Erlebnis macht.
In den späten 1970ern gehörte Neuwirth zu den Gründungsmitgliedern der Medienwerkstatt, die sich um eine kritische Gegenöffentlichkeit zum damals öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopol bemühte. Das Künstlerkollektiv arbeitete eng mit zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammen, stellte unter anderem eine eigene Wochenschau her und zeichnete für die Produktion von Oral-History-Klassikern wie „Küchengespräche mit Rebellinnen“ verantwortlich. Neuwirth selbst wurde mit dem Dokumentarfilm „Erinnerungen an ein vergessenes Land“ (1988) über den Truppenübungsplatz Allentsteig und langjähriger Produzent der Found-Footage-Arbeiten von Gustav Deutsch („Film ist.“) bekannt. Mit seinem künstlerischen Werk bewegt sich Neuwirth – Eigendefinition: „Forscher, Archivar, Fotograf und Klangsucher“ – auf dem schmalen Grat zwischen Dokumentarfilm, innovativem Kino und neuen Medien.
Nicht zuletzt ist der weitgereiste Künstler ein Bilderfinder und „Ethnograf“ der eigenen Kultur. Seine experimentellen Dokumentarfilmstudien „Aus einem nahen Land. 24 Szenen aus Kritzendorf“ (2015) oder „Snow/Schnee“ (2018) zeugen von einem akuten Interesse für das Besondere im scheinbar Gewöhnlichen und die flüchtigen Momente des Alltags.
Das Herzstück der Ausstellung ist eine neue filmische Arbeit, für die Neuwirth auf die eigene Biografie und Familiengeschichte zurückgegriffen hat. Der leicht ironisch-mysteriöse Titel „Vom Vater bleibt nur mehr der Rest auf dem Bild“ beschreibt ein halbstündiges Werk, genauer: einen sogenannten kinestatischen Film. Dieser besteht nicht aus Bewegtbildern, sondern ist ausschließlich aus fotografischen Stills komponiert.
Die Grundlage dafür bildet das Archiv von Neuwirths Vater, eines nicht nur begeisterten, sondern auch talentierten Amateurfotografen. Aus den tausenden, penibel katalogisierten Bildern wurden für den Film jene der Jahre 1960 bis 1968 ausgewählt.
Diese rund 1200 Diapositive, die, eins ins andere überblendend, in forciertem Tempo über die Leinwand ziehen, ergeben eine Art visuelles Gedicht über Leben und Alltag jener Dekade. „In der gleichmäßig wogenden impressionistischen Bildflut“, heißt es in der Pressemappe dazu sehr richtig, „trifft das Individuelle eines Lebens auf seine historische Symptomatik.“
Tatsächlich dürften die Bilder vielen Angehörigen der Boomer-Generation sofort vertraut sein. Sie rufen Erinnerungen wach an Familienfeste, an Reisen zu Sehnsuchtsorten (bella Italia!), an den Firmlingsbesuch des Praters, die Eröffnung des Donauparks, die Besichtigung der Bergiselschanze oder an das neue Auto – einen knallroten Kugelporsche.
Die nostalgischen Gefühle, die beim Betrachten des Films schnell aufkommen könnten, fängt der Soundtrack subtil ein. Der Musiker Christian Fennesz, der seit Jahren mit Neuwirth zusammenarbeitet, hat diesmal eine äußerst robuste Klangwelt erschaffen. Gleichwohl öffnen seine kongenialen Soundscapes erstaunliche Resonanzräume, verleihen dem Film quasi Dreidimensionalität.
Neben der Projektion des Films „Vom Vater bleibt nur mehr der Rest auf dem Bild“ ist der familiäre Bilderfundus in der Ausstellung noch in anderer Form präsent. Zum einen als Leuchttisch, auf dem 680 der darin verwendeten Dias wie zu einem farbenprächtigen Bilderteppich ausgelegt sind. Und zum anderen in fünf eigens angefertigten Fotobüchern, für die Manfred Neuwirth ausgewählte Bilder zu Themen wie Begegnungen, Kulissen, Landschaften gebündelt hat.
Daneben ist die Kamera des Vaters ausgestellt: eine 65 Jahre alte Voigtländer, ein Schmuckstück aus prädigitaler Zeit.
Michael Omasta, falter
Blick zurück in die Kindheit: Neue Ausstellung zu Natur, Familie & Wahrnehmung
Durchlichtbilder und VR-Brillen-Installation: Der Künstler Manfred Neuwirth bespielt mit neuen Werken die Wiener Medienwerkstatt.
Ein gewisser Minimalismus ist der Arbeit des österreichischen Medienkünstlers Manfred Neuwirth eigen. Dabei beschränkt er sich nur ästhetisch, nicht jedoch in der Wahl seiner Mittel. Die acht neuen Arbeiten, die er unter dem Titel „Space of the Gaze“ ab sofort in der Medienwerkstatt Wien ausstellt, fächern ein breites Reservoir an Genres auf: Neben Fotografie und Videoinstallationen zeigt Neuwirth auch Mixed-Media-Arbeiten und etwa ein durch die VR-Brille zu betrachtendes virtuelles Video-Triptychon, bezieht sich auf Videopionier Nam June Paik und arbeitet mit Ambient-Soundtracks von Christian Fennesz.
Großspurig ist er dabei nie: Neuwirth geht subtil vor, um die Eigenheiten des Blicks ins Visier zu nehmen. Die zentrale Arbeit ist ein Dia-Film, ein halbstündiges motion picture aus Standbildern. Der Puls ist hoch: 40 zart ineinander überblendende, zwischen Quer- und Hochformat springende Bilder in 60 Sekunden – das ist zu schnell, um sich auf die individuellen Ansichten wirklich einlassen zu können. Aber es ist langsam genug, um die Strukturen des „Urlaub-Sehens“, die Systematiken der Familienporträts (und, damit verbunden, auch gewisser Welt-Sichten) zu erkennen. Rund 1200 Amateurfotografien aus den Jahren 1960 bis 1968 setzt Neuwirth hier hintereinander: private Aufnahmen, hinterlassene Dias seines Vaters aus den Jahren 1960–’68. Neuwirths Bearbeitung ist ein Tribut an die Blickweisen des Vaters, die den Sohn geprägt, für die Medienkunst vielleicht sogar initiiert haben. Das Flüchtige der gefrorenen Augenblicke, die ein Leben ausmachen, hinterlässt einen so bitteren wie süßen Nachgeschmack.
Stefan Grissemann, profil